Der Dreischritt im Unterricht und SVL IV

Der Dreischritt im Unterricht und das individualisierte, kooperative und selbstverantwortliche Lernen

Teil 4 Aufbau: arbeiten und lernen

Aufbau des individualisierten, kooperativen, selbstverantwortlichen Lernens:

Die veränderte Verantwortung des Lehrers und des Schülers will ich durch die Schilderung der Differenzierung in vier Stufen des selbstverantwortlichen Arbeitens und Lernens verdeutlichen.

„Arbeiten“ bedeutet nämlich noch lange nicht „lernen“!

Viele Schüler arbeiten ihre ganze Schulzeit lang fleißig und vielleicht sogar teilweise auch selbstständig. Was sie dabei jedoch lernen, ist ihnen oft nicht bewusst und bleibt deshalb fraglich. Oft lernen sie vor allem, das wiederzugeben, was der Lehrer von ihnen hören will oder einfach nur einen bestimmten Stoff auswendig zu lernen und wiedergeben zu können, oft jedoch ohne den Sinn und den Zusammenhang wirklich verstanden zu haben.

Arbeiten

Unter „Arbeiten“ verstehe ich die zielgerichtete Erfüllung einer Aufgabe im Hinblick auf ein erwünschtes Ergebnis.

Hier liegt schon ein weites Lern- und Entwicklungsfeld für Lehrer! In den letzten Jahrzehnten sind im Bereich der Alternativschulen aber auch der Staatsschulen eine Vielzahl von Arbeits-Methoden für Schüler entwickelt worden, die in die Waldorfschulen Einzug kaum gehalten haben oder z.T. wegen der so anderen Voraussetzungen und Bedingungen in unpassender Weise eingesetzt werden. Die seit 25 Jahren von Klippert entwickelten verschiedenen Methoden für das „eva“, das eigenverantwortliche Arbeiten, die in vielen Schulen praktizierten Methoden der Freiarbeit, der Referate, des Stationenlernens, des Wochenplans, des Portfolio, der Expertengruppen – um nur einige hier zu erwähnen – werden meistens gar nicht auf ihren altersgemäßen Einsatz und ihre menschenkundlichen Wirkungen hin reflektiert. In der Waldorfschule wäre das aber unbedingt notwendig, um den Unterricht durch solche Methoden nicht schlechter zu machen, als er vorher war, als er zentral vom Lehrer bestimmt und gesteuert wurde. Denn sobald dadurch Unsicherheit erzeugt wird, wirkt es sich negativ auf das Arbeiten und auf das damit möglicherweise verbundene Lernen aus.

Lernen

Unter „Lernen“ verstehe ich die Aneignung von neuen Erlebnissen, Erkenntnissen, Erfahrungen, Fertigkeiten und Fähigkeiten, was meist mit einer Tätigkeit oft bei der Erfüllung von bestimmten Aufgaben – also bestimmten schulischen Arbeiten – verbunden ist.

Ich gehe davon aus, dass wir eigentlich ständig und immer lernen – die Frage ist nur was und wie!

  • So wird zum Beispiel bei den Hausaufgaben vielfach vor allem das Abschreiben gelernt und nicht der Inhalt.
  • Oder im Unterrichtsgespräch wird gelernt:
  • herauszufinden, was der Lehrer hören will
  • nicht aufzufallen, sich möglichst unsichtbar zu machen
  • durch gezielte Aktionen den Lehrer abzulenken oder aus dem Konzept zu bringen
  • sich möglichst unauffällig mit den eignen Dingen zu beschäftigen etc.
  • Zum Beispiel lernen die Schüler in vielen Unterrichtsstunden eher, den Lehrer herauszufordern oder an seine Grenzen zu bringen, als das, was er inhaltlich mit ihnen machen will.
  • Ich habe hospitierend manchen Unterricht erlebt, wo es um einen reinen Überlebenskampf des Lehrers ging.
  • Ebenso habe dabei endlose „Disziplinierungsspiele“ erlebt, die manchmal den größten Teil der Zeit beanspruchten.

So ließen sich noch viele Beispiele zeigen, wo der Lerneffekt für die Schüler ein ganz anderer ist, als der vom Lehrer eigentlich beabsichtigte.

Gerade durch Eigenständigkeit und Selbstverantwortung der Schüler für ihr Arbeiten und Lernen lassen sich viele solcher Spiele zwischen Lehrern und Schülern, denen häufig ein Kräftemessen oder einen Machtspiel zugrunde liegt, minimieren bzw. ganz vermeiden. Die Verantwortung für das eigene Lernen muss wieder dorthin gegeben werden, wo sie eigentlich hingehört und auch nur erfüllt werden kann – dem Schüler!

Sowohl beim Arbeiten als auch beim Lernen unterscheide ich zwischen den beiden Stufen selbstständig und selbstverantwortlich.

Selbstständig

Selbstständig oder auch eigenständig oder auch selbstbestimmt tätig zu sein, bedeutet, dass jemand den Prozess seines Arbeitens oder Lernens selbst bestimmen kann. Das kann sich sowohl auf den Inhalt, auf die Methode als auch auf den Raum und die Zeit beziehen.

Selbstverantwortlich

Selbstverantwortlich – und in diese Kategorie könnte man auch eigen motiviert oder selbst motiviert dazu nehmen – bedeutet, dass sich nicht nur den Prozess selbst bestimme, sondern auch selber für das Ergebnis verantwortlich bin. Damit ich das kann, muss ich das Ergebnis, also meine Leistung auch beurteilen können. Das bedeutet, dass sich die Maßstäbe und Kriterien kennen muss bzw. selbst entwickeln kann.

Daraus ergeben sich folgende vier Stufen:

  1. selbstständiges (oder eigenständiges oder eigenmotiviertes) Arbeiten heißt: der Schüler übernimmt in dem vom Lehrer gestalteten Rahmen die Verantwortung für den Prozess seines Arbeitens, der Lehrer hat weiterhin die Verantwortung für das Ergebnis und dessen Bewertung,
  2. selbstverantwortliches Arbeiten heißt: der Schüler übernimmt in dem vom Lehrer gestalteten Rahmen die Verantwortung sowohl für den Prozess als auch für die Ergebnisse seiner Arbeit und kann diese dann auch selbst bewerten. Der Lehrer gibt dabei Hilfestellung und kann gegebenenfalls Korrektiv sein.
  3. Selbstständiges Lernen heißt: der Schüler übernimmt Verantwortung für den Prozess des Lernens(!), also der Ausbildung von neuen Fähigkeiten und Fertigkeiten z. B. durch Üben. Das ist ein wichtiger weiterer Schritt! Der Lehrer behält jedoch die Verantwortung für das Ergebnis und dessen Bewertung.
  4. Selbstverantwortliches Lernen heißt: der Schüler übernimmt die Verantwortung für den Prozess und für das Ergebnis seines Lernens und dessen Bewertung. Das bedeutet, dass der Schüler in der Lage sein muss, das Anlegen und Üben neuer Fähigkeiten und Fertigkeiten bewusst zu gestalten und sich dabei selbst zu überprüfen. Der Lehrer gibt ihm dabei Hilfestellung und kann gegebenenfalls korrigieren.

Meiner Erfahrung nach bauen diese vier Schritte in der Regel aufeinander auf, wobei sich die einzelnen Schüler einer Klasse oder Lerngruppe auf unterschiedlichen Stufen befinden können. Das muss ich als Lehrer zulassen können. Ich gebe damit den Schülern auch die Möglichkeit, voneinander zu lernen.

Entgegen der viel verbreiteten Meinung, dass die Selbstverantwortung erst in der Oberstufe zum Tragen kommen kann, können und sollten meiner Erfahrung nach diese vier Stufen von der ersten Klasse an auf den verschiedenen Gebieten altersgemäß angelegt und gepflegt werden. Die Selbstorganisation der Schüler kann von der ersten Klasse an so gepflegt werden, d.h. dass der Lehrer den Rahmen gestaltet, die Arbeiten mit den Schülern anlegt und übt, die Schüler sich dabei aber schon immer mehr selbst organisieren dürfen. Das beginnt mit der Anlage der sozialen Kultur in der Klasse, zum Beispiel beim Umziehen, beim Begrüßen, beim Platz nehmen, beim Ruhe herstellen, aber auch von Anfang an beim Arbeiten. So können zum Beispiel beim Aquarell-Malen die Schüler schon in der ersten Klasse lernen und üben, alle Vorgänge erst eigenständig und dann selbstverantwortlich durchzuführen vom Vorbereiten, Aufziehen der Blätter, über das Malen bis hin zum Wegräumen, Abspülen und Aufräumen.

Ebenso können die Kinder ab der ersten Klasse zum Beispiel ihren Auftritt bei einer Monatsfeier selbstständig und selbstverantwortlich organisieren, wenn ihnen der Lehrer die nötigen Anleitungen dafür gibt, es ausreichend mit ihnen übt und ihnen dann das berechtigte Vertrauen vermittelt, dass sie das auch selbstständig aufführen können. Dann wird der Lehrer im Hintergrund nur noch für die nötige Sicherheit sorgen und die Kinder können ihre Vorführung selbstständig und selbstverantwortlich durchführen.

Michael Harslem

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